Qigong… Gesundheitsübung & Kampfkunst

Qigong, die kontinuierliche Arbeit mit der Energie Qi, findet sich als „weiches“ Qigong in der Heilkunst und als „hartes“ Qigong in den Kampfkünsten. Da jedoch viele Gemeinsamkeiten bestehen, sind die Übergänge fließend.

Erste schriftliche Belege für den gesundheitlichen Aspekt des Qigong finden sich bereits im ältesten medizinischen Lehrbuch Chinas (11.-7. Jh. V. Chr.); bildhafte Belege fand man 1973 auf Seidentüchern aus dem 2. Jh. v. Chr. Malereien zeigen Personen in verschiedenen Körperhaltungen, Schriftzeichen wie „diese Person betäubt Schmerzen“ deuten auf gesundheitsfördernde Übungen hin.

Den kämpferischen Aspekt soll der Legende nach der indische Mönch Bodhidharma (auch Damo, jap.: Daruma) begründet haben. Um 520 n. Chr. ließ er sich in der chinesischen Provinz Henan im dortigen Shaolin-Kloster nieder. Er unterrichtete Meditationspraktiken des Buddhismus und Übungen zur Körperertüchtigung, aus denen sich die Kampfkunst der Shaolin-Mönche entwickelt haben soll. Einige Autoren sehen hier die Wiege des Karate. Doch gaben die Mönche nicht nur Techniken zur Selbstverteidigung, sondern auch medizinische Kenntnisse und Übungen zur Behandlung von z. B. Bluthochdruck, Lungen- und Herzkrankheiten weiter.

Im Laufe der Jahrhunderte entwickelten sich die verschiedensten Qigong- und Kampfkunstsysteme in körperlicher Ruhe und Bewegung, von denen einige bereits in der Karate Aktuell (2-4/2020 und 1+3/2021) beschrieben wurden. In der vorliegenden Ausgabe werden Übungen vorgestellt, die sich in ähnlicher Form im Qigong und in den Kata des Karate finden.

Ähnliche Übungen in Quigong & Karate

Ein sehr gutes Beispiel geben „Die Edlen Übungen der alten Meister“, die Fritz Nöpel und Martin Nienhaus dargestellt und beschrieben haben: „Viele Bewegungen der Karate-Kata können und müssen auf unterschiedliche Art und Weise genutzt werden. […] Eine Kata besteht deshalb immer aus Energie- und Kampfübungen.“ (1 Nöpel, F./Nienhaus, M. (2007): Jukuren – Kampfkunst der Erfahrenen, S. 31)

Im Folgenden sind beispielhaft drei Übungen des Qigong im Vergleich mit Techniken aus Shotokan-Kata und den „Edlen Übungen“ dargestellt.

Beispiel Nr. 1

Qigong: Arme ausbreiten, Brust weiten

Die Füße stehen schulterbreit, die Arme werden vor dem Bauch gekreuzt und gestreckt nach schräg oben geführt, dabei folgen Kopf und Blick den Händen. Danach werden die Arme zu beiden Seiten ausgebreitet, Kopf und Blick richten sich wieder nach vorne. Während dieser Phase wird entspannt durch die Nase eingeatmet. Beim Ausatmen durch die Nase werden die Arme kreisförmig in die Ausgangsposition herabgeführt. Die Wahrnehmung des Qi erfolgt im Brust- und Bauchraum; die Übung wird eingesetzt bei chronischen Lungenerkrankungen, Stoffwechselstörungen und Durchfall.

Kata: Kanku Dai

Stand schulterbreit, die Hände berühren sich vor dem Bauch, die rechten Fingerspitzen liegen über den linken, die Daumen berühren einander. Die Arme werden gestreckt nach schräg oben geführt, dabei folgen Kopf und Blick den Händen. Danach werden die Arme zu beiden Seiten ausgebreitet, Kopf und Blick richten sich wieder nach vorne; anschließend wird die rechte Handkante vor dem Bauch in die linke Handfläche gelegt.

Edle Übungen: Die Sonne geht auf

Die offenen Hände vor dem Körper nach oben und in Kopfhöhe kreisförmig zu den Seiten führen, dabei tief durch die Nase in den Bauch atmen, wobei auch der Brustraum groß geöffnet wird. Dann die Handflächen nach unten führen; sie zeigen am Ende der runden Bewegung nach vorne. Dabei wird kontrolliert und hörbar durch den Mund ausgeatmet mit gleichzeitigem Aufbau einer maximalen Körperspannung.

Beispiel Nr. 2

Qigong: Hände schieben

In schulterbreiter Fußstellung werden die nach oben gewandten Handflächen vor dem Körper bis in Brustbeinhöhe hochgeführt, dann gedreht und mit den Handkanten in Schulterhöhe zu den Seiten geführt. Hierbei wird durch die Nase eingeatmet. Danach werden Arme und Hände entspannt nach unten gesenkt, dabei wird durch die Nase ausgeatmet. Die Wahrnehmung des Qi erfolgt in den Bereichen Nacken, Schultern, Ellbogen, Handgelenken und Fingern; die Übung wird eingesetzt bei Rheumatismus der Gelenke, Bronchitis und Magenleiden

Kata: Unsu

Die Füße sind geschlossen, die Hände werden aus einer diagonalen Fausthaltung geöffnet vor den Bauch und bis Brustbeinhöhe geführt, wobei sich die Handkanten berühren und die Handflächen am Ende nach oben zeigen. (Ähnlich dem Wasserschöpfen. Energie schöpfen?) Die Ellbogen werden zur Seite geführt, dann die Unterarme mit den aufgestellten Händen. Bis hier sind die Bewegungen langsam, danach werden die Arme schnell gesenkt, und ein doppelter Keito Uke in Neko Ashi Dachi wird ausgeführt.

Edle Übungen: Die Wolken ziehen auf

Hier werden die Hände nicht gleichzeitig, sondern nacheinander vor dem Körper nach oben, in Kopfhöhe zu den Seiten und nach unten geführt, wieder verbunden mit hörbarem Ausatmen durch den Mund und maximaler Körperspannung.

Beispiel Nr. 3

Qigong: Mit Pfeil & Bogen schießen

In schulterbreiter Fußstellung die Arme vor dem Körper kreuzen und ein Fuß zur Seite zur Reiterstellung setzen. Gleichzeitig spannen die eingerollten Finger der vorderen Hand die imaginäre Bogensehne, die andere Hand avisiert mit aufgerichtetem Zeigefinger und abgespreiztem Daumen das Ziel, auch der Blick geht dorthin; währenddessen durch die Nase eingeamen. Anschließend kehren Kopf, Hände und Fuß entspannt in die Ausgangsposition zurück, dabei durch die Nase ausatmen. Die Wahrnehmung des Qi erfolgt in den Unterarmen, Handgelenken und Fingern; die Übung wird eingesetzt bei Entzündungen in Hand- und Fingergelenken.

Kata: Gojushiho Dai

Aus dem Keito Uke in Neko Ashi Dachi rechte Hand langsam im Bogen von innen nach außen neben das rechte Ohr führen, dabei den Oberkörper nach rechts drehen. Gleichzeitig die linke Handfläche aufrecht nach vorne führen; in Variation sind die Finger in Keito Uke-Haltung. Der Bogen ist gespannt, das Ziel fixiert. Dann wird der rechte Fuß zu Neko Ashi vorgesetzt, der linke folgt; gleichzeitig rechts halbkreisförmig Ippon Nukite Chudan, links als Ippon Nukite an die rechte Armbeuge. Der Pfeil ist abgeschossen.

Edle Übungen: Pfeil findet sein Ziel

Aus der Ausgangsstellung in eine seitliche Position; hierbei wird die vordere Hand im Kreisbogen als Block von oben nach unten geführt, die körpernahe Hand wird ebenfalls kreisförmig als Ippon Nukite Richtung Augen oder Hals gestochen. Hörbar durch den Mund ausatmen und die Körpermuskulatur spannen.

Fazit: Gemeinsamkeiten von Heil- &Kampfkunst

Die Gemeinsamkeiten der oftmals als Heilkunst oder Kampfkunst kategorisierten Übungen sind deutlich. Auch wenn bei einigen Autoren von Karate-Büchern das Ein- und Ausatmen nicht näher beschrieben wird, so lässt sich doch ein Grundprinzip herausarbeiten: Wie bei Akkordeon oder Blasebalg erfolgt bei öffnenden Bewegungen ganz natürlich das Einsaugen der Luft, bei schließenden Bewegungen ganz natürlich das Ausstoßen.

Text und alle Übungsfotos: Dieter Kießwetter

Fortsetzung folgt in der Karate Aktuell 1/2022…

Qigong… und die traditionelle chinesische Medizin lesen…

Die Kampfkunst der Inneren Schule, Teil 1 lesen…

Die Kampfkunst der Inneren Schule, Teil 2 lesen…

Yiquan – Kämpfen mit Geist, Teil 1 lesen…

Yiquan – Kämpfen mit Geist, Teil 2 lesen…

(ema)

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