Die Kampfkunst der Inneren Schule: Nicht-Handeln im Einklang mit der Natur (Teil 2 von 2)

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Taijiquan (Tai Chi Chuan) – schon der Name deutet auf ein Kampfsystem hin: Quan (Chuan) bedeutet „Faust“ oder „Faustkampfsystem“ und steht für das Kämpfen mit der bloßen Hand (jap.: Karate). Als Übersetzung für Taiji (Tai Chi) bietet sich das „sehr große Äußerste“ an. Es ist der Ursprung von Yin und Yang. Diese stellen ein Gegensatzpaar dar, dessen Elemente sich gegenseitig bedingen wie der zyklische Wechsel von Tag und Nacht. Ist ein Extremum erreicht, beginnt der Wandel hin zum diametralen Gegensatz. Grafisch dargestellt wird dies durch das runde Taiji-Symbol, dessen Elemente Yin (schwarz) und Yang (weiß) ihr Gegenüber jeweils in einem kleinen Kreis beinhalten.

Die historisch belegten Wurzeln des Taiji-Faustkampfes finden sich im Dorf Chenjiagou, wohin sich Chen Wanting, ein General der Ming-Dynastie, nach deren Sturz Mitte des 17. Jahrhunderts zurückzog. Er studierte Daoyin (Qigong-Übungen), Tuna (daoistische Atemschulung) und die daoistischen Lehren; verknüpfte sie mit der Kampfkunst. Aus dem Taijiquan der Chen-Familie entwickelten sich bis heute viele andere Stile, die bekanntesten sind Yang, Wu, Wu (Hao) und Sun.

Mit der Machtübernahme der Kommunisten auf dem chinesischen Festland 1949 flohen viele Kampfkunstmeister nach Taiwan oder in andere Länder.

Von China in die Welt hinaus

Im China Mao Zedongs (Mao Tsetungs) wurden in den 1950er Jahren zahlreiche Maßnahmen ergriffen, um die „Volksgesundheit“ zu verbessern. Dazu gehörte auch, dass das Nationale Komitee für körperliche Erziehung 1956 eine 24-er Form auf der Basis des Yang-Stils veröffentlichte. Als Mao 1960 neben Schwimmen, Bergsteigen u. a. auch Taijiquan zur Körperertüchtigung empfahl, wurden verstärkt Lehrmaterialien erstellt, Lehrer ausgebildet und Übungsmöglichkeiten in der Öffentlichkeit geschaffen. Außerdem wurden Partnerübungen und der Umgang mit Waffen gefördert. Dies aber immer unter dem Gesichtspunkt der Gesundheit.

Die weltweite Verbreitung des Taijiquan begann in den 1960er Jahren. Durch Exilchinesen, Chinareisende und Austauschstudenten kam Taijiquan in den Westen und wurde als ganzheitliche Gesundheitsübung zum festen Bestandteil des Angebotes von kommerziellen Schulen, Bildungseinrichtungen und Vereinen. Betont wurden die positiven Einflüsse auf Nerven-, Atmungs-, Kreislauf- und Verdauungssystem sowie auf den gesamten Bewegungsapparat. Die Kraft des Taijiquan hat ihre Wurzeln in den Füßen, wird über die Beine ausgestoßen, durch Hüfte/Taille gelenkt, durch die Wirbelsäule abgegeben und tritt durch die Hände aus.

Genauso kann man aber auch den Tsuki eines Karatekas beschreiben! Der Weg zum Erlernen und Beherrschen der Kampfkunst Taijiquan führt aber nicht über Schnellkraftübungen, sondern im Gegenteil über langsame, bewusst geführte Bewegungen.

Grundledgende Bewegungen

Es gibt acht grundlegende Handtechniken, die mit den vier Haupt- und den vier Nebenhimmelsrichtungen korrespondieren. Zu den Bewegungsformen der Arme kommen die fünf Schrittarten der Beine (Zentrieren, Vordringen, Zurückweichen, sich nach links und rechts wenden) hinzu, die der Idee der fünf Wandlungsphasen (Elemente) folgen (nähere Erläuterung siehe bei Xingyiquan). Mit den „Dreizehn Bewegungsformen“ (Shisanshi), deren Ursprung auf Zhang Sanfeng zurückgehen soll, hat der Übende die grundlegenden Möglichkeiten des Taijiquan erlernt. Sind diese vorhanden, kann man zu den Partnerübungen übergehen. Auf der Grundstufe stehen sich die beiden Partner gegenüber, bringen die Arme in Kontakt und versuchen, die Kraft des Gegenübers zu fühlen, zu verstehen und darauf zu reagieren. Dies geschieht im festen Stand, später auch mit Schritten bis hin zum freien Kämpfen.

Die Soloformen und die Partnerübungen, die heute als „Schiebende Hände“ (Tui Shou, ähnlich dem Kakie des Goju-Ryu) bezeichnet werden, sind die Grundlagen, um das Taijiquan zu einer Kampfkunst zu entwickeln. Viele der Techniken dienen dazu, den Gegner zu entwurzeln, wegzuschleudern oder niederzuwerfen. Häufig kommt auch ein Stoß mit Handballen oder Faust zum Kopf oder Körper zum Einsatz.

Das Üben der Form(en) entwickelt die körperliche Weichheit und Elastizität, das Üben mit Partnern die Feinfühligkeit, um die Kraft und Intention des Angreifers zu spüren, zu verstehen und umzuleiten. Gelingt es dann noch, die eigene Energie hinzuzufügen, spricht man von „Fali“, der explodierenden Kraft. Noch gefährlicher wird es, wenn diese Energie zielgerichtet auf Vitalpunkte trifft. Durch den Angriff darauf kann der Energiefluss des Gegners gestört werden. In den chinesischen Kampfkünsten geht man von 108 Vitalpunkten aus, deren negative Stimulation unterschiedliche Folgen bis hin zum Tode haben kann.

Baguazhang (Pakua Chang)

Der Name bedeutet „Hand der acht Trigramme“; diese finden sich im Yiqing, dem „Buch der Wandlungen“, dem ältesten chinesischen Weisheitsbuch, das auch für Orakel benutzt wird. Die Trigramme bestehen aus drei entweder durchgezogenen (Yang) oder unterbrochenen (Yin) Linien. Sie lassen sich mit einer Vielzahl von Bedeutungen interpretieren, z. B. Naturaspekte, Wesensart, Tiere etc.

Die Acht (Ba) ist für Chinesen eine Glückszahl. Möglicherweise liegt das daran, dass sie lautlich dem Bao ähnelt, was Kostbarkeit bedeutet. (Vielleicht habt ihr im Chinalokal schon einmal „Acht Kostbarkeiten“ – Ba Bao – bestellt!) Die Glückszahl Acht findet sich sogar in Sport und Politik wieder: So begannen die Olympischen Spiele in Peking am 08.08.08 um 08:08 Uhr abends! Schon im Taijiquan fanden wir die Acht bei den acht grundlegenden Handtechniken und den acht Himmelsrichtungen. Beim Baguazhang finden wir die Acht sogar im Namen und bei den acht „Händen“, den grundlegenden Technikkombinationen.

Verlässlich kann man die Geschichte ins 19. Jahrhundert auf einen Kampfkünstler mit dem Namen Dong Haichuan zurückverfolgen, der seine Schüler entsprechend ihrer individuellen Stärken und Körperstatur ausgebildet haben soll. Ziel des Baguazhang ist die Entwicklung der inneren Kraft (Chi); Wege hierzu sind die Schulung der Beweglichkeit und der Fähigkeit, das Chi über spiralförmige Bewegungen des Körpers bis in die Hände zu führen. Man beginnt mit Schritt- und Haltungstraining. Hierbei gehen die Übenden mit einer festgelegten Handhaltung erst langsam, später schnell auf einer gedachten Kreislinie.

Nach den Grundlagen werden die acht „Hände“ (Formen) mit ihren verschiedenen Techniken in der Reihenfolge 1-8 gelernt. Auf der nächsten Stufe wird diese Reihenfolge aufgebrochen, und die „Hände“ werden in freier Folge kombiniert. Auf der dritten Stufe verbindet man Techniken aus den verschiedenen „Händen“ willkürlich und spontan miteinander. Dies soll helfen, flexibel auf die verschiedensten Angriffsmöglichkeiten zu reagieren.

Auch im Baguazhang gibt es wie im Taijiquan Partnerübungen Die wichtigste ist die „Gehende Säule“. Hierbei haben die Übenden Kontakt an den Handgelenken, gehen im Kreis und versuchen, sich aus dem Gleichgewicht zu bringen, Hebel anzusetzen, zu werfen und zu schlagen.

Zu den gebräuchlichsten Waffen des Baguazhang gehören Stock, Speer, Säbel und Doppelsäbel. Ein weiteres Waffenpaar, das man in den anderen Stilen nicht findet, sind die Mandarinentenmesser. Sie haben ihren Namen daher, dass ihre Form in der Senkrechten einer Ente ähnelt. Diese Waffen werden paarig gebraucht: eine wehrt Angriffe
ab, die andere kontert mit Stichen und Schnitten.

Xingyiquan (Hsing I Chuan)

Xing lässt sich mit „Form“ oder „Bewegung“ übersetzen, Yi steht für „Geist, Intention“ und Quan wieder für „Faustkampfsystem“. Anstelle von Faust-Geist-Boxen wird Xingyiquan auch oft als „Fünf-Elemente-Boxen“ bezeichnet, weil die lediglich fünf Kampftechniken sich an der daoistischen Theorie der fünf Elemente (Wandlungsphasen) ausrichten. Nach der traditionellen chinesischen Philosophie kann man alle Dinge der Natur auf fünf Elemente zurückführen, die aber nicht statisch, sondern in einem dynamischen Wechsel sind. Feuer erzeugt Erde (Asche), aus der Erde kommt das Metall, an dem Wasser kondensiert, Wasser nährt Holz (Pflanzen), das man für das Feuer braucht. Dies ist der Erschaffungszyklus; dem steht der Zerstörungszyklus gegenüber: Feuer schmelzt Metall, Metall (Axt) spaltet Holz, Holz (Pflug) bricht die Erde auf, Erde (Damm) hält Wasser zurück, Wasser löscht das Feuer. Beide Zyklen kommen im Xingyiquan zum Einsatz.

Xingyiquan ist von den drei Inneren Kampfkünsten die am wenigsten bekannte; vielleicht, weil sie wenig spektakulär ist. Sie soll aus dem Speerkampf heraus für den Nahkampf der Infanteristen entwickelt worden sein. Es geht nicht um die Ästhetik der Bewegung, sondern um Effektivität. Die Techniken werden explosiv und kraftvoll entlang einer gedachten Linie direkt auf den Gegner zu ausgeführt, Schritte zurück gibt es kaum. Eine Hand blockt, die andere schlägt, dies oftmals gleichzeitig. Die Fauststöße gleichen dem Ura- und Tate-Tsuki, mit ihnen wird der Gegner überrollt.

Schüler des Xingyiquan lernen zuerst intensiv Santishi, die „Dreifache Stellung“, die Ausgangs- und Endposition aller Techniken ist. Gemeint sind mit der Zahl Drei Kopf, Rumpf mit Armen und die Beine, die entsprechend der daoistischen Philosophie für Himmel, Mensch und Erde stehen. Nasenspitze, Zeigefinger und Fußspitze zeigen in dieselbe Richtung; der Rücken soll gerade, die Brust leicht nach innen gewölbt sein, der Oberkörper ist 45 Grad abgedreht. Das Gewicht liegt mehr auf dem hinteren Bein. Aus dieser Stellung werden die fünf Fausttechniken ausgeführt. Im Anschluss werden zehn oder zwölf Tierformen geübt, wobei es nicht darum geht, deren Bewegungen zu imitieren, sondern deren Charakteristika („Geist“) in die Techniken einfließen zu lassen: „Er kämpft wie ein Tiger.“

Die Partnerübungen des Xingyiquan ähneln dem Jiyu-Ippon-Kumite des Karate. Auch wird der Umgang mit Waffen geübt, meist mit Speer und Langstock, es wurden aber auch Übungen für das Bajonett entwickelt.

Ähnlichkeiten der Stile & Künste

Betrachtet ein Karateka die drei Stile der Inneren Schule, so wird er im Xingyiquan viele Ähnlichkeiten mit dem Karate finden. Ein Aikidoka wird die Gemeinsamkeiten mit Baguazhang erkennen. (Wahrscheinlich kam Morihei Ueshiba, der Begründer des Aikido, bei seinem Aufenthalt in der Mandschurei damit in Kontakt.) Im Taijiquan finden sich Elemente beider Kampfkünste wieder. Veranschaulichen kann man die Charakteristika am Yin-Yang-Symbol. Im Xingyiquan erfolgt die Kraftanwendung kurz und direkt (Symbol: Blitz) auf einer gedachten Linie zwischen dem weißen und dem schwarzen Kreis; dabei ist der Körper kompakt „wie aus einem Guss“. Im Baguazhang erfolgt die Anwendung auf dem äußeren Kreis. Der eigene Körper ist wie ein Ball, und der Angriff wird durch Gehen und Drehen (Symbol: Wirbelwind) neutralisiert. Beim Taijiquan wird viel mit Hüftdrehungen gearbeitet; man lädt den Gegner zum Angriff ein, lässt ihn dann ins Leere laufen und kontert. Symbolisiert wird dies durch die innere Linie (Welle) des Yin-Yang-Symbols.

Fazit: Innere vs. Äußere Schule

Was aber ist denn nun das Spezifische der Kampfkunst der Inneren Schule? Woher kommt ihre Kraft? Es ist nicht die „grobe“ Muskelkraft, sondern eine Kraft, die aus Flexibilität und Entspannung sowie einer optimierten Harmonie des ganzen Körpers resultiert. Dabei sollen alle Bewegungen „ganz natürlich“ sein und sich „von selbst“ (Wuwei: geschehen lassen) entwickeln.

Diese „Natürlichkeit“ kann man aber auch an Karatetechniken verdeutlichen. Beim Otoshi Uke z. B. wird der abwehrende Arm zuerst nach oben geführt. Energiesparend kann man jetzt die Erdanziehung (Natur) auf ihn wirken und ihn fallen lassen. Gibt man dabei noch etwas Energie hinzu, erhält man eine sehr starke Abwehrtechnik.

Flexibilität, Entspannung und das Zusammenspiel aller Körperteile sind wichtig für jede schnelle und effektive Karatetechnik. Die optimale Körperspannung braucht man nur im Moment des Treffens (Punktzentrierung), um sofort danach wieder in eine entspannte, aber aktionsbereite Haltung zu gelangen. Also nicht starr wie ein Bo, sondern wie ein Rattanstock oder eine Peitsche agieren, wie das z. B. beim Uraken sowie beim Mae und Yoko Geri Keage deutlich wird.

Für mich ist es schwierig, eindeutige Trennlinien zwischen der Inneren und der Äußeren Schule und auch dem Karate zu ziehen. Eher fallen mir Gemeinsamkeiten auf: Man übt diese Kampfkünste, um gesund zu bleiben!

Text und Fotos/Grafiken: Dieter Kießwetter

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(ema)

Die nächsten Termine:

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