KARATEbyJesse: Zehn japanische Wörter, die fast alle Karateka missverstehen (Teil 1)

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Karate kann tückisch sein. Besonders, wenn wir japanische Ausdrücke verwenden. Medizin hat Latein, Mathematik hat Zahlen, Karate hat Japanisch. Leider sind viele Leute von den japanischen Wörten im Karate verwirrt. Aber wenn man die Terminologie nicht versteht, kann man nicht optimal lernen oder unterrichten. Darum erkläre ich dir zehn japanische Wörter, die fast alle Karateka missverstehen. Hoffentlich wird dir der folgende Text helfen, Karate besser zu verstehen. Aufgepasst, los geht‘s!

1. Uke

Missverstandene Bedeutung:
„Block“

Tatsächliche Bedeutung:
„Empfangen“

Erklärung:
Das Wort „uke“ stammt vom japanischen Wort „ukeru“, welches „empfangen“ bedeutet. Aber, warum auch immer, wurde es von der westlichen Welt als „blocken“ interpretiert. Meines Erachtens ist das das genaue Gegenteil davon, etwas zu empfangen! Deinem Fortschritt im Karate ist es abträglich und es spiegelt nicht die ursprüngliche Absicht der Verteidigungsbewegungen im Karate wider. Wenn du dein Denkweise von „blocken“ zu „empfangen“ verschiebst, wird das deine gesamte Wahrnehmung verändern in Bezug darauf, wie man Karate gegen einen größeren oder stärkeren Gegner anwendet. Du verlässt dich dann eher auf deine Technik als auf brutale Kraft. So unterrichte ich es auch bei meinen internationalen Seminaren.

2. Ki

Missverstandene Bedeutung:
„Magische Superkraft”

Tatsächliche Bedeutung:
„Energie”

Erklärung:
Das Konzept „Ki“ (auf Chinesisch „chi“ oder „qi“ geschrieben) ist in Verruf geraten, weil McDojo-Scharlatane es bei der Gehirnwäsche ihrer Schüler als Vorwand nutzen und ihnen weismachen, sie hätten übernatürliche kämpferische Fähigkeiten wie den berührungslosen K.O. Aber eigentlich ist es nicht neu. „Ki“ – oder „Energie“, wie es auf Deutsch heißt – ist das, woraus das Leben gemacht ist. Sie fließt kontinuierlich durch deinen Körper, deine Umgebung; Wind, Wasser, Erde, Sonne. Gemäß der physikalischen Gesetze kannst du sie weder erschaffen noch zerstören, nur auf andere Objekte übertragen oder in andere Formen umwandeln (kinetische, potenzielle, thermische, elektrische Energie usw.). Wir kultivieren sie schon, solange wie wir auf Erden sind. „Ki“ eine wundervolle Sache – besonders dann, wenn du sie durch die Körpermechanik des Karate manifestierst. Im Grunde dreht sich beim Karate alles um effizientes Energiemanagement.

3. Sensei

Missverstandene Bedeutung:
„Karate-Lehrer“

Tatsächliche Bedeutung:
„Jemand, der vorher in die Welt kam“

Erklärung:
Das Wort „sensei“ besteht aus zwei Teilen: Der erste ist „sen“, was „vorher“ bedeutet. Das zweite ist „sei“, was „Leben“ bedeutet. Mit anderen Worten: Ein „sensei“ ist jemand, der dir auf der Reise des Lebens voraus ist. Deshalb ist ein Sensei nicht bloß eine Person, die Karate-Techniken unterrichtet. Ein Sensei ist dein Mentor. Dein Lifecoach. Dein Sensei hilft dir dabei, die Brücke zwischen Selbstschutz und Selbstperfektion zu schlagen. Denn letztlich ist der Karate-Weg der Lebens-Weg. Dein Sensei weiß das, weil er*sie den Weg selbst gegangen und bereit ist, dich auf deiner Reise zu führen. Die Frage ist: Bist du bereit zu folgen?

4. Bunkai

Missverstandene Bedeutung:
„Praktische Anwendung der Kata“

Tatsächliche Bedeutung:
„Etwas aufschlüsseln“

Erklärung:
Viele Karateka, mich eingeschlossen, nutzen Kata-Techniken gerne zur Selbstverteidigung (Ursprünglich waren sie ja auch genau dazu gedacht.) Für gewöhnlich nennen wir diesen Aspekt des Karate „bunkai“. Die tatsächliche Bedeutung von „bunkai“ aber ist „etwas aufschlüsseln“, nicht „praktische Anwendung der Kata“. „Bunkai“ ist nur der erste Schritt der Kata-Anwendung für die Selbstverteidigung. Nach dem „Aufschlüsseln“ der Kata musst du die Einzelteile analysieren und wieder richtig zusammensetzen. Für die meisten steht das Wort „bunkai“ trotzdem für den gesamten Prozess. Deshalb verwende auch ich das Wort so, obwohl ich weiß, dass es nicht ganz richtig ist. Schlussendlich sollen Begriffe ja der Kommunikation dienen. Wenn ich aber in Japan oder auf Okinawa unterwegs bin, sage ich kaum „bunkai“, wenn es um die Anwendung einer Kata-Bewegung geht, sondern „imi“ (wörtlich die „Bedeutung“ einer Bewegung).

5. Dojo

Missverstandene Bedeutung:
„Karate -Studio“

Tatsächliche Bedeutung:
„Der Ort des Weges“

Erklärung:
Viele Lehrer unterrichten Karate in Studios, Gemeindezentren oder anderen Orten, die nicht ausschließlich dem Karate gewidmet sind. Aber… ganz egal, wo du Karate unterrichtest/lernst, dieser Ort ist dein „dojo“. (Das gilt für alle traditionellen japanischen Kampfkünste.) Und das Wort „dojo“ ist tiefgründiger als die meisten Leute ahnen: „Do“ bedeutet „Weg“. „Jo“ bedeutet „Ort“. Das heißt, ein „dojo“ ist ein Ort, an dem du dich auf Selbsterkundungsreise begibst – durch das Karate-Training. Das „dojo“ ist ein Ort, an dem du von jemandem, der „vorher gekommen“ (= „sensei“) ist, auf dem Weg geführt wirst, wobei Karate als Werkzeug der Wissenvermittlung dient, um die persönliche Entwicklung voranzutreiben. Nicht bloß ein „Karate-Studio“.

Fortsetzung folgt…

Text: Jesse Enkamp, aus dem Englischen übersetzt von Eva Mona Altmann

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Über den Autor:
KARATEbyJesse ist vielen Karateka ein Begriff.
Dahinter verbirgt sich der Schwede Jesse Enkamp, Kata-Wettkampfathlet und Inhaber eines eigenen Dojos und einer eigenen Karate-Gi-Marke, der sich mit interessanten und gut recherchierten Artikeln zum Karate und angrenzenden Themenbereichen sowie mit ansprechenden Videos von Turnieren, Lehrgängen und Reisen sowie Trainingstutorials im Internet einen Namen gemacht hat.
Neben der Webseite www.KARATEbyJesse.com betreibt er auch einen YouTube-Kanal und ist in den sozialen Medien vertreten.
In der Vergangenheit waren seine Texte nur mit genügend Englischkenntnisse zugänglich. Aber mit freundlicher Genehmigung des Autors erscheinen seit Mitte 2014 ausgewählte Artikel in der deutschen Übersetzung von Eva Mona Altmann (Dipl.-Übers.) beim KDNW.
Wir freuen uns sehr über diese grenz- und sprachübergreifende Kooperation mit Jesse Enkamp!

(ema)

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