KARATEbyJesse: How to – Die perfekte Kata

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„Kata ist die Seele des Karate”, so lautet eine Redensart auf Okinawa, der Wiege des Karate. Unglücklicherweise fehlt vielen Leuten das Verständnis dafür. Ihnen dient Kata lediglich zur Körperertüchtigung. Das ist in Ordnung – aber es bricht mir gleichzeitig das Herz. Denn Kata ist so viel mehr als das!

Meiner Meinung nach gibt es keinen besseren Brückenschlag zwischen Selbstschutz und Selbstoptimierung als Kata. Kata ist ein unglaubliches Werkzeug, um sich als Mensch zu entwickeln. Aber natürlich nur, wenn man weiß, wie. Lass es mich erklären…

Innere vs. äußere Realität

Zuallererst musst du wissen, dass jeder Mensch zwei Realitäten hat: Deine innere Realität. Deine äußere Realität. Deine innere Realität besteht aus deinen Gedanken, Erwartungen und Gefühlen. Also das, was in deinem Kopf stattfindet. Deine äußere Realität besteht aus äußeren Ereignissen, wie beispielsweise Personen, Handlungen und Dinge. Also das, was um dich herum passiert. In unserem Alltag sind diese beiden Realitäten selten deckungsgleich. Zum Beispiel: Du erwartest Sonnenschein, aber es regnet. Du hoffst auf eine Gehaltserhöhung, aber du bekommst sie nicht. Du denkst, sie mag dich, aber sie ruft dich nie zurück. Und so weiter.

Kognitive Dissonanz

Deine innere und äußere Welt befinden sich in einem ständigen Mikro-Konflikt miteinander. Wissenschaftler nennen das „kognitive Dissonanz“ – wenn Erwartungen nicht mit der Realität übereinstimmen. Jetzt kommt der spannende Teil… Deine Reaktionen auf diese Konflikte bestimmen deinen Charakter. Und, wie du weißt, die Vervollkommnung des Charakters ist das Ziel des Karate. Bietet Karate uns also vielleicht eine Möglichkeit, die innere und die äußere Realität miteinander in Einklang zu bringen? Natürlich tut es das! Tatsächlich steckt die Antwort in der „Seele des Karate“. Kata.

Harmonie durch Kata

Versuch mal Folgendes: Visualisiere in deinem Geiste, wie du selbst eine Kata ausführst. Egal, welche Kata. Wichtig ist nur, dass du dir vorstellst, wie du die ganz Kata machst. Und zwar perfekt. Du hast mich verstanden. Stell dir vor, wie du selbst die perfekte Kata machst! P-E-R-F-E-K-T. Fertig? Prima. Der nächste Schritt ist nun, sie zu machen. Ganz recht. Du sollst das, was du dir vorgestellt hast, EXAKT körperlich reproduzieren. Bereit? Los! „Aber… Jesse-san, das ist unmöglich! Ich kann keine perfekte Kata machen!“ Stimmt.

Erwartungen vs. Realität

Die Kata wird NIE so perfekt sein wie in deinem Kopf. Also… Warum erwartest du, dass alles andere es ist? Hm? Das Leben ist nicht perfekt, Amigo. Und wird es NIEMALS sein. Auf diese Art Kata zu üben, hilft dir dabei, damit umzugehen. Weißt du, wir erschaffen in unseren Köpfen so oft unrealistische Erwartungen und Szenarien, indem wir uns eine äußere Realität wünschen, die mit unserer inneren Realität kaum zusammenpasst. Deshalb bewerten wir andere Leute auf der Grundlage ihrer Handlungen, aber uns selbst auf der Grundlage unserer Absichten. Denk mal darüber nach.

Kata als Brückenschlag

Kata kann eine Brücke schlagen über die Schlucht zwischen deiner inneren und äußeren Welt. Kata kann dir dabei helfen, mit der Realität klarzukommen. Indem du dir die perfekte Kata vorstellst und dann versuchst, dieses Ideal zu erreichen, gleichst du schrittweise deine Erwartungen mit der Realität ab und bringst deine Absichten in Einklang mit deinen Handlungen. So wird Kata von der bloßen Körperertüchtigung zu einer metaphysischen Übung. Je öfter du das trainierst, desto besser wirst du darin. Eines Tages kannst du dann vielleicht sogar die perfekte Kata ausführen! Aber wahrscheinlich nicht. Und darum geht es.

Nobody is perfect: Der Weg als Ziel

So etwas wie „die perfekte Kata“ gibt es gar nicht. Genau wie im Leben. Paradoxerweise ist der Tag, an dem du das verstehst, vielleicht auch der Tag an dem du die perfekte Kata ausführen könntest. Aber an diesem Punkt würde es dir nichts mehr bedeuten – denn Perfektion ist nicht mehr länger das Ziel… …sondern das Streben danach ist das eigentlich Ziel. Der Weg wird zum Ziel.

Text: Jesse Enkamp, aus dem Englischen übersetzt von Eva Mona Altmann
(ema)

Mae-Geri
Über den Autor:
KARATEbyJesse ist vielen Karateka ein Begriff. Dahinter verbirgt sich der Schwede Jesse Enkamp, Kata-Wettkampfathlet und Inhaber eines eigenen Dojos und einer eigenen Karate-Gi-Marke, der sich mit interessanten und gut recherchierten Artikeln zum Karate und angrenzenden Themenbereichen sowie mit ansprechenden Videos von Turnieren, Lehrgängen und Reisen sowie Trainingstutorials im Internet einen Namen gemacht hat. Neben der Webseite www.KARATEbyJesse.com betreibt er auch einen YouTube-Kanal und ist in den sozialen Medien vertreten. In der Vergangenheit waren seine Texte nur mit genügend Englischkenntnisse zugänglich. Aber mit freundlicher Genehmigung des Autors erscheinen seit Mitte 2014 ausgewählte Artikel in der deutschen Übersetzung von Eva Mona Altmann (Dipl.-Übers.) beim KDNW. Wir freuen uns sehr über diese grenz- und sprachübergreifende Kooperation mit Jesse Enkamp!

Die nächsten Termine:

september

20sep10:0014:30Dansha-Lehrgang Goju-Ryu in RheineSportpark des TV Jahn-Rheine 1885 e.V.

26sep(sep 26)9:0027(sep 27)14:30AusgebuchtTrainer/innen- C – Ausbildung, Breitensport (Teil 2)Sportschule Hachen

26sep10:0017:00AbgesagtKata/Bunkai-Lehrgang mit BT Efthimios Karamitsos in KölnSporthalle Westerwaldstraße, Köln

27sep11:0014:00Dananwärter/innen-Lehrgang in KölnGesamtschule Ostheim, Köln

oktober

04okt10:0015:30Jukurenlehrgang in KamenTurnhalle am Gymnasium, Kamen

04okt11:0013:00AbgesagtHerbstserie: SB / SV für Frauen und Mädchen in Essen (Teil 2)Ruhr-Dojo Essen

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