“Karate an die Schulen” – Erfahrungsbericht aus Dortmund

Schulsport

Als ich im Frühsommer 2013 meine Ausbildung zum C-Trainer abschloss, war ich voller Enthusiasmus, voller Tatendrang und voller Vorfreude auf die Dinge, die mich in Folge erwarten würden. Nicht nur, dass ich mir fest vorgenommen hatte, das Motto des DKV „Karate an die Schulen“ in die Tat umzusetzen, nein, es ging ja auch ein Stück weit um meine berufliche Zukunft. Noch während die Bewerbungen an diversen Schulen, dem Stadtsportbund Unna und anderen Institutionen liefen, ging ich daran, mich intensiv vorzubereiten, Stundenverlaufspläne zu schreiben (so wie ich es gelernt hatte), Ziele zu formulieren und mein Programm für ein halbes Schuljahr auf die Beine zu stellen.

Ein Gespräch mit dem hiesigen Stadtsportbund ergab folgendes, eher ernüchterndes Bild: Der Sportbund selbst zahlt seinen Übungsleitern maximal 20 Euro die Stunde, bei allen anderen Trägern sieht es allerdings noch weitaus erschütternder aus. Träger wie die AWO und die evangelische Kirche (zumindest bei uns im Kreis Unna die häufigsten Träger der so genannten OGS, wo nicht private Fördervereine zuständig sind) beschäftigen in der Regel gar keine externen Übungsleiter mehr, sondern bilden ihr eigenes Personal aus, letztlich um Kosten zu sparen, arbeiten diese doch meist ehrenamtlich, oder wenigstens unentgeltlich. Man sollte sich auch an dieser Stelle einmal fragen, wieviel uns als Gesellschaft die Erziehung (denn Karate soll nicht nur Sport sein, sondern zumindest für mich auch einen pädagogischen Wert besitzen) unserer Kinder eigentlich wert ist. Man möge mich nicht falsch verstehen: Mir geht es nicht allein um das Geld/die Bezahlung, aber ich denke, dass man zumindest Posten wie die Fahrtkosten und die investierte Freizeit doch angemessen vergüten sollte.

Ernüchtert, aber nicht demotiviert ließ ich mich allerdings nicht irritieren und bewarb mich schlussendlich an der Schule, an der ich damals auch Abitur gemacht habe. Das Heisenberg Gymnasium in Dortmund Eving. Der Kontakt mit dem Schulleiter war schnell und unkompliziert hergestellt und ich hatte von Beginn an das Gefühl offene Türen einzurennen. Bedarf an entsprechenden Angeboten im Bereich der OGS ist da.

Um überhaupt einen Einstieg zu bekommen, um überhaupt einen Fuß in der Tür zu haben, bin ich preislich bis zur unteren Grenze gegangen. In Zahlen ausgedrückt: Ich bekomme 12,50 EUR für eine Zeitstunde. Dazu muss man sich vielleicht einmal etwas vor Augen halten: Die OGS (also die offene Ganztagsschule, mithin das nachmittägliche Betreuungsprogramm der öffentlichen Schulen) findet in der Regel in den frühen Nachmittagsstunden statt. Wer kommt da überhaupt als Übungsleiter/Trainer in Frage? Doch sicher maximal Studenten oder Menschen wie ich, die sich darauf spezialisieren. Normal Berufstätige kommen einerseits wegen der Zeitvorgaben schon nicht in Frage, während sich ein Angebot am frühen Abend ohnehin ausschließt, könnten die Schulkinder da ja auch gleich in einen regulären Verein gehen. Einmal ganz davon abgesehen, dass Schulen ab spätestens 17 Uhr schließen und in den allermeisten Fällen wohl auch kein Hausmeister mehr zur Verfügung steht.

Seit Beginn des Schuljahres 2013/2014 bin ich nun tätig und möchte im Folgenden kurz meine Erfahrungen der ersten beiden Monate schildern.

Mein persönlicher Wunsch war es, eine Gruppe von maximal 12 bis 15 Kindern zu trainieren. Das halte ich, auch aufgrund meiner Erfahrungen aus dem Kindertraining in meinem Dojo für realistisch. Alles andere übersteigt die Fähigkeiten eines einzelnen Trainers. Nun ist es so, dass wir von sehr geburtsstarken Jahrgängen reden. Mit anderen Worten: Die Klassen, die ich betreue (Klassen 6 und 7) sind fünfzügig, mit beinahe 150 Schülern pro Jahrgang. Das mag an anderen Schulen anders aussehen. Das hat allerdings zur Folge, dass ich 19 Schüler pro Gruppe habe. Im Angebot waren etwa 7 AGs, so dass, da die Schüler in freier Wahl ihre AGs bestimmen konnten, auch nicht jeder Schüler das bekam, was er als Erstwunsch angegeben hatte. Das hat natürlich Folgen, gerade für die Einstellung der Schüler gegenüber mir und gegenüber der AG an sich. Dazu später mehr.

Wie geschrieben, ich betreue derzeit die Klassen 6 und 7, jeweils montags und mittwochs eine Zeitstunde von 14:10 bis 15:10.

Leider konnte mir die Schule nicht die Sporthalle zur Verfügung stellen, da während der 6. Stunde noch der normale Schulbetrieb läuft und alle Sporthallen mit dem regulären Sportunterricht ausgelastet sind. Man stellte mir den Raum vor dem pädagogischen Zentrum zur Verfügung, sowie eine große Anzahl an Judomatten. Die Räumlichkeiten erwiesen sich nicht immer als optimal, in vielerlei Hinsicht. Zum einen hat man während des Unterrichts immer mal wieder damit zu kämpfen, dass vorbeikommende Schüler stören, oder wenigstens fasziniert stehenbleiben. Auch die nur kurze Übergangszeit von der fünften zur sechsten Stunde ist nicht optimal. Immerhin sollen die Schüler sich binnen dieser Zeit umziehen (dafür wurden Klassenräume – die nicht immer frei waren – zur Verfügung gestellt) und die gesamten Matten auslegen. Dafür muss man schon mindesten 15 Minuten abrechnen, die dann am Schluss natürlich für den eigentlichen Unterricht fehlen. Mein Versuch, die Kinder ohne Matten trainieren zu lassen (und barfuß!) ist zunächst an der Intervention einiger weniger Schüler gescheitert. Mittlerweile trainiert die eine Gruppe (7. Klasse) in Sportzeug und mit Socken, während ich für die andere immer sehr umständlich die Matten aufbauen, bzw. auslegen lassen muss.

Das bringt mich zum Unterricht an sich, wobei ich zunächst kurz erläutern möchte, wie ich meinen Unterricht aufgebaut habe. Da Kumite in den Schulen grundsätzlich nicht gestattet ist, konzentriere ich mich stark auf das Kihon, den philosophisch-geistigen Hintergrund der Kampfkunst Karate-Do und lege größten Wert auf die Vermittlung von Werten. Der sportliche Aspekt ist (momentan) außen vor, da ich ohnehin nur ein Halbjahr Zeit habe, bevor die Schüler ihre AGs neu wählen werden. Die am Schluss verbliebene Nettotrainingszeit von ca. 45 Minuten zeigte deutlich, dass mehr als eine Kihon-Technik (z.B. Choku-Zuki oder Gedan Barai) pro Trainingsstunde unrealistisch ist. Das deckt sich nur bedingt mit meinen Erfahrungen aus dem Verein. Dort habe ich allerdings auch meist mindestens eine Stunde Zeit. Großes Interesse bestand und besteht an theoretischen Ausführungen, so dass ich immer mal wieder kurze Theorieeinheiten einflechte. Weiterhin breche ich Techniken aus verschiedenen Kata herunter, um realistischen Anwendungen aus dem Bereich Selbstverteidigung zu zeigen. So arbeite ich auch mit Hebeln, bzw. Befreeiungsmaßnahmen aus Umklammerungen (z.B. Tzukami Uke aus Bassai Dai als Befreiung aus nicht-gleichseitigem Griff) etc. Hier sind die Schüler jederzeit aufnahmebereit, zeigen Interesse und machen problemlos mit.

Zu den Schülern selbst ist folgendes zu sagen: Es besteht ein auch für mich überraschend großer Unterschied zwischen den Klassen 6 und 7. Während meine Vermutung war, dass Kinder umso schwieriger sind, je näher sie der Pubertät kommen, zeigte sich schon nach ein oder zwei Einheiten ein komplett anderes Bild. Zwar sind Partnerübungen bei gemischtgeschlechtlichen Gruppen schwierig, aber das Arbeiten mit der Stufe 7 erwies sich als sehr angenehm, problemlos und zumindest zu weiten Teilen auch ergebnisorientiert. Disziplinierungsmaßnahmen sind lediglich manchmal nötig und auch dann „beruhigen“ sich Schüler schnell wieder. Schwierig ist lediglich die Arbeit mit denjenigen Schülern, die eben nicht Karate als AG-Wunsch hatten. Wer an sich lieber Schach spielen wollte und sich nun mit Karate konfrontiert sieht, hat sicher nicht immer die allergrößte Lust, aktiv mitzuwirken. Die Arbeit mit der Jahrgangsstufe 6 erwiese sich hingegen als mitunter schwieriger, letztlich allein resultierend aus dem Umstand, dass diese Kinder noch weitaus kindlicher agieren und man den Unterricht entsprechend abstimmen muss.

Mein vorläufiges Fazit:

Der Unterricht macht, bis auf die individuellen Unzulänglichkeiten was Zeitumfang, Örtlichkeiten und Bezahlung angeht, einen Riesenspaß. Man hat durchaus das Gefühl, dass die Schüler viel mitnehmen, wenn auch die reine Reduktion auf Karate-Techniken schnell zu ermüden scheint und man den sportlichen/gesundheiterhaltenden Aspekt reduzieren, oder vernachlässigen muss. Die vom DKV teilweise vorgegebene Preisvorstellung, was das „Gehalt“ der Trainer angeht, erwies sich als unrealistisch. Unabhängig von der individuellen Graduierung wird kein Trainer mehr als geschätzte 30 Euro verlangen können, bzw. diese dann auch bekommen.

Mein persönlicher Eindruck bis jetzt war, dass Schüler gerade die Höflichkeit und den Respekt zu schätzen wissen, den Karateka mithin untereinander pflegen (die Verbeugung, die Sitzmeditation). Die Arbeit mit den Schülern ist zwar manchmal kraftraubend und stressig, zumal dann, wenn man Tage hat, an denen die Schüler ohnehin durch den Druck in der Schule kaum noch aufnahmefähig sind, aber dennoch möchte ich diese Tätigkeit nicht mehr missen. Mein Ziel ist und war es, Kinder, die komplett unbedarft an das Thema „Karate“ herangehen, begeistern zu können, auch mit der Perspektive im Hinterkopf, Werbung für die Mitgliedschaft in einem Verein zu machen. Dies, so reklamiere ich einmal mutig für mich, konnte mir über weite Strecken auch gelingen. Es hat sich gezeigt, dass die Vielfalt, die in der Kampfkunst Karate steckt, von Selbstverteidigung und ästhetischen Aspekten, bis hin zu sportlichen Komponenten und der Vermittlung von Werten, ein großer Vorteil gegenüber „normalen“ Sportarten ist. Ich hatte und habe das Gefühl, dass die beinahe unzähligen Möglichkeiten, Karate auch als Do zu vermitteln, bei den heranwachsenden Kindern auf enorm fruchtbaren Boden fallen.

Text: Daniel Alexander

Die nächsten Termine:

september

20sep10:0014:30Dansha-Lehrgang Goju-Ryu in RheineSportpark des TV Jahn-Rheine 1885 e.V.

26sep(sep 26)9:0027(sep 27)14:30AusgebuchtTrainer/innen- C – Ausbildung, Breitensport (Teil 2)Sportschule Hachen

26sep10:0017:00AbgesagtKata/Bunkai-Lehrgang mit BT Efthimios Karamitsos in KölnSporthalle Westerwaldstraße, Köln

27sep11:0014:00Dananwärter/innen-Lehrgang in KölnGesamtschule Ostheim, Köln

oktober

04okt10:0015:30Jukurenlehrgang in KamenTurnhalle am Gymnasium, Kamen

04okt11:0013:00AbgesagtHerbstserie: SB / SV für Frauen und Mädchen in Essen (Teil 2)Ruhr-Dojo Essen

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