„Mit Karate kann jeder Sieger werden im Leben.“

Wettkampf

INTERVIEW MIT NIKA TSURTSUMIA

Nika, du wirst bei der Karate-WM im November 2014 in Bremen an den Start gehen – in welcher Disziplin?
Kata (lacht). Nein, aber ich habe auch  schon Kata gemacht. Kata-Training ist gut fürs Kumite, es schult die saubere Technik. Aber ich starte bei der WM im Kumite. Im Kumite-Team bin ich schon gesetzt. In meiner Gewichtsklasse -84 kg ist die Qualifikation noch nicht abgeschlossen.

Wir drücken dir die Daumen! Was bedeutet es für dich, dass die WM in Deutschland stattfindet?
Das ist auf jeden Fall eine super Motivation und etwas Besonderes. Ich lebe jetzt schon seit zwölf Jahren in Deutschland, das ist meine Heimat – fast (lächelt). Ich fühle mich hier sehr zu Hause. Und jetzt in der WM-Vorbereitung spüre ich die positive Energie der Leute und ich hoffe, dass ich ihnen auch etwas zurückgeben kann. Ich versuche, mich optimal vorzubereiten und werde mein Bestes geben für die WM.

Du stammst nicht gebürtig aus Deutschland – kannst du uns etwas über deine Wurzeln erzählen?
Ich bin in Kaukasien, in Ossetien geboren. Ich habe auch drei Jahre in der Ukraine gelebt und war dort Mitglied der Nationalmannschaft. Als kleiner Junge habe ich immer davon geträumt, in einem starken Land zu leben und dort in die Nationalmannschaft zu kommen. Ich wollte kämpfen, Leistung bringen. Die Leute haben mir gesagt: „Träum weiter!“ Aber zum Glück ist tatsächlich fast alles so gekommen. Das hat mir bewiesen: Wenn man nur den Willen hat, kann man alles schaffen. Man muss nur die Chancen realistisch einschätzen: Was kann ich am besten? Welche Möglichkeiten bieten sich mir?

Das heißt, du bist wegen des Karate nach Deutschland gekommen?
Genau so ist es. Viele meiner Freunde haben damals gesagt: „Wie kannst du nach Deutschland gehen, du kennst da doch niemanden.“ Dazu kam noch, dass ich damals eigentlich gar nicht die finanziellen Mittel hatte und nicht mal die Sprache konnte. Aber ich habe mir gesagt, für das, was ich kann, was ich machen möchte, brauche ich gar keine Sprache und auch kein Geld. Ich muss nur zeigen, was ich kann. Ich wusste immer, Deutschland kann das akzeptieren. Mit meinem Trainer, Friedhelm Meisen, hatte ich dann sehr viel Glück. Er stand 120-prozentig hinter mir und hat für mich gekämpft, damit ich hier bleiben konnte. Dank ihm führe ich heute ein gutes Leben in Deutschland.

Wie alt warst du, als du nach Deutschland gekommen bist?
17.

Und du bist ganz alleine hergekommen?
Ganz alleine (nickt). Keine Freunde, keine Bekannten. Ich hatte nur den lieben Gott (lächelt).

 

Wenn du dafür sogar ausgewandert bist, was bedeutet Karate für dich?
Es gibt viele Möglichkeiten, wie man Karate verstehen kann: Als Sport, als Leben… (überlegt) …als Atmen, Gesundheit, Balance usw. Karate ist eine sehr reiche Sportart. Vor allen Sportarten habe ich Respekt, aber Karate ist etwas Besonderes. Karate stammt von armen Leuten, die sich verteidigen musste. Karate ist keine Aggressivität, sondern Verteidigung. Es geht darum, sich zu beruhigen. Wenn meine Schüler oder Freunde mich fragen: „Was ist Karate? Was ist das für dich?“, dann sage ich: „Karate ist wie das Leben.“  Das sieht man besonders auch im Kumite: Du musst ein super Kime zeigen, eine klasse Technik, gute Reaktionen, viel Kraft und Schnelligkeit – und trotzdem musst du kontrolliert sein. Das ist genauso wie im Leben. Da musst du auch eine super Qualität zeigen, wenn du weiterkommen willst – aber auch Kontrolle. Und schlägt das Schicksal zu, musst du dich trotzdem kontrollieren. Wenn im Kumite etwas Unkontrolliertes passiert, dann bekommst du sogar noch eine sportliche Strafe. Das hat viel Ähnlichkeit mit dem Leben. Ganz egal, ob jemand reich ist oder arm, ob er einen schwarzen Gürtel hat oder eine andere Farbe trägt, alle kommen ins Dojo und machen die Begrüßung, sie verbeugen sich. Da fängt der Respekt an. Karate ist eine super Sportart. Und mit Karate kann jeder Sieger werden im Leben. Im Leistungssport spielen dagegen viele Faktoren eine Rolle: Geduld, Wille, Talent und auch der Trainer.

Wieviel Zeit verbringst du mit Karate?
Wenn man als Profikämpfer langsam älter wird, versteht man: Sehr viel Zeit. Mindestens der halbe Tag gehört dem Karate. Wenn dann Freunde anrufen, muss man ganz offen sagen: „Ich habe keine Zeit. Ich mache Leistungssport. Ich muss trainieren. Ich muss mich gesund ernähren.“ Sehr viel Zeit gehört dem Karate. Aber dafür hat man auch ein super Gefühl, sportliches Adrenalin… all das kan man sich nicht kaufen. Das kann man nur durch Leistung und Disziplin erreichen. Es ist also ein Geben und Nehmen.

Wie sieht deine WM-Vorbereitung aus?
Die ist für mich sehr wichtig. Ich mache mehr Trainingseinheiten: Neben Karate auch Kondition, Schnellkraft, Maximalkraft, Koordination. Genauso wichtig ist bei der hohen Belastung aber auch ausreichend Magnesium und Vitamine. Und Dehnübungen, manchmal muss man sich stundenlang einfach nur dehnen. Sonst ist die Gefahr zu groß, sich zu verletzen. Dass der Körper fit ist, ist das eine, aber das andere ist, auch im Kopf und im Herz fit zu sein.

Hast du dir ein Ziel gesetzt für die WM?
Ich bin Realist. Als Kämpfer kann ich alles erreichen und alles ist möglich. Ich kann gewinnen, ich kann verlieren. Aber egal, was passiert, schämen werde ich mich nicht. Mit dem Team sind wir 2012 Europameister geworden und 2013 und 2014 haben wir EM-Bronze geholt, bei der WM in Paris waren wir Fünfte. Als Team haben wir also sehr gute Chancen – und die wollen wir uns in unserer Heimat von niemandem nehmen lassen! Darauf freue ich mich schon. Im Einzel will natürlich jeder antreten und das ist noch nicht entschieden. Aber was auch kommt, wir sind alle zu 100 Prozent bereit.

Ein paar hast du gerade schon aufgezählt, was waren deine größten Erfolge bisher?
Team-Europameister 2012 in Teneriffa. Das war das schönste Gefühl. Wir haben das nicht geschenkt bekommen, sondern uns hart erkämpft. Auch unser Finalgegner, die Türkei, war sehr stark und wir haben uns den Sieg mit Ehre erkämpft. Daran ist natürlich auch das DKV-Präsidium beteiligt und besonderer Dank gebührt Bundestrainer Thomas Nitschmann, der hinter uns gestanden und richtig mit uns gekämpft hat. Auch bei den anderen Jungs aus dem Team möchte ich mich bedanken, es war so ein super Gefühl wie ich mit ihnen und sie mit mir gekämpft haben. Wir haben ein sehr gutes Verhältnis, eine richtige Karate-Familie. Dieser EM-Titelgewinn ist ein unvergesslicher Moment, der schönste Moment bisher in meiner Karate-Geschichte.

Wie würdest du deinen Kampfstil beschreiben?
Ich bin ein aggressiver Kämpfer. Zum Kämpfen gehört natürlich Aggressivität – zum Klavierspielen oder Tanzen nicht. Aber neben der Motivation, Schnelligkeit und Explosivität ist auch die Taktik sehr wichtig, Cleverness.

Welches ist deine Spezialtechnik?
(Grinst breit.) Mawashi Geri Jodan. 2012 hatte ich den wohl etwas zu viel trainiert, denn bei der WM ist mir dann ein Kontakt passiert. Zum Glück war mit meinem Gegner nichts Schlimmeres, er ist nur kurz etwas… (lacht) …träumen gegangen. Beintechniken machen mir einfach Spaß, egal ob rechts oder links. Schon als Kind hat mich das in Filmen begeistert. Aber ich weiß auch: Nur mit den Beinen alleine kann man nichts erreichen. Die Hände sind mittlerweile auch sehr wichtig. Momentan passt alles – Hände und Beine.

Hast du Vorbilder im Karate oder im Leben allgemein?
Für mich kann ein unbekannter Mann zum Vorbild werden, jemand ohne Namen. Ich versuche, in jedem seine Qualitäten zu sehen, die Persönlichkeit ist wichtig. Ich schaue nicht auf und nicht hinab. Wenn jemand Olympiasieger ist, aber der Charakter stimmt nicht, dann taugt er nicht zum Vorbild. Der Mensch zählt.

Welche Menschen haben dich im Karate besonders beeindruckt?
Ich habe viele internationale Kontakte und Karate-Freunde überall auf der Welt, bin oft in Trainingslagern, z.B. in der Ukraine, in Russland, in Aserbaidschan und zuletzt in der Türkei, wo ich Haldun Alagas kennengelernt habe. Er ist der jüngste Weltmeister aus der Türkei. Im Leben hat er schon alles erreicht und ist ein wahnsinnig netter Mensch. Aber auch mit meinen Schülern kann ich sehr stark trainieren, das konntest du ja heute sehen. Die Motivation ist wichtig. Dann kann man auch alleine trainieren. Aber besser ist es natürlich mit mehreren.

Du sprichst von deinen Schülern. Was bedeutet es dir, ihr Lehrer zu sein? Welchen Ratschlag gibst du ihnen?
Der Charakter ist das Wichtigste. Sie sollen sich vernünftige Freunde suchen, eine gute Familie gründen, einen guten Job haben. Welt- oder Europameister kann nicht jeder werden. Aber man kann ein Sieger im Leben werden. Jeder hat Chancen. Seit über zehn Jahren bin ich jetzt hier und 80 oder 90 Prozent meiner Schüler sind bei mir geblieben, obwohl viele Zeitprobleme haben mit Ausbildung, Arbeit usw. Dass sie trotzdem versuchen, zu mir zu kommen, Leistung zu zeigen, Wettkämpfe zu gewinnen, zur Karate-Familie zu gehören, das macht mir sehr viel Spaß. Sie sind alle für mich wie meine kleinen Brüder.

Erzähl uns noch etwas über euren Verein hier in Gummersbach.
Wir haben etwa 100 Mitglieder, obwohl wir nie groß Reklame gemacht habe, sondern es nur Mund-zu-Mund-Propaganda gab. Als Mitglied der Nationalmannschaft habe ich nicht immer genug Zeit, da ich selbst trainieren muss und möchte mich bei meinen Karate-Freunden bedanken, die dann das Training für mich übernehmen und mich unterstützen. Wir arbeiten auch mit dem Dojo von Alexander Heimann in Bergisch Gladbach zusammen, das macht viel Spaß. Alleine ist vieles schwierig, aber zusammen wird man immer stärker.

Nika, vorhin hast du das Schicksal erwähnt, das im Leben manchmal grausam zuschlägt. Dir selbst ist in diesem Jahr etwas sehr Schreckliches widerfahren und auch darüber möchtest du heute sprechen.
Die meisten wissen von meinem schweren Schicksalschlag: Ich habe meine Frau durch eine sehr plötzliche Krankheit verloren. Wir waren darauf überhaupt nicht vorbereitet. Es war so, als würde plötzlich das Licht ausgehen. Wir waren so glücklich miteinander. Man sagt ja manchmal so: „Wenn es einem zu gut geht, dann passiert etwas Schlimmes.“ Darüber zu sprechen, ist die eine Sache, aber es ist etwas völlig anderes, das selbst zu erleben, mit eigenen Augen zu sehen, es selbst zu spüren. Das ist kaum zu ertragen. Nur mein Glaube und meine Freunde geben mir die Kraft, weiterzuleben und meine Sache weiterzumachen. Irgendwann müssen wir alle gehen und ich bin zu 100 Prozent davon überzeugt, dass ich meine Frau dann wiedertreffen werde. Und auch jetzt und hier ist sie bei mir.. Ich kann sie nicht sehen, aber ich spüre sie und sie gibt mir Kraft. Eines weiß ich sicher: Ich werde sie nie vergessen. Sie wird immer bei mir bleiben. Ich bin dadurch ein ganz anderer Mensch geworden: Nie wieder wird es mir so gut gehen, wie es mir mit meiner Frau ging und nie wieder wird es mir so schlecht gehen, denn mit ihrem Tod ist mir schon das Schlimmste widerfahren. (Schweigt einen Moment.) Ich bin ein ganz anderer Mensch geworden. Das Leben verstehe ich  jetzt ganz anders als andere Menschen und ich wünsche wirklich niemandem dieses Gefühl, das ich hatte, habe und immer haben werde. Du kannst nichts anderes machen als einfach durchzuhalten.

Welche Rolle haben dabei Karate und die Menschen in deinem Umfeld gespielt?
In dieser schweren Zeit habe ich jede Energie gebraucht, sogar die Wärme von einem Stein. Menschen, die früher eifersüchtig waren auf mein glückliches Leben, kann ich heute nicht mehr in meiner Nähe ertragen. Ich bin immer noch überwältigt von der Unterstützung und der Liebe, die ich von der deutschen Nationalmannschaft, vom gesamten DKV und von meinen Karate-Freunden erfahren durfte. Sie haben mich getragen und haben einen großen Anteil daran, wer ich heute bin. Ihre Energie habe ich im Herzen, im Geist und im Körper. Ich möchte allen herzlich dafür danken. Dieser Rückhalt hat mir auch gezeigt, dass ich nicht verkehrt gelebt habe, denn solchen Respekt muss man sich verdienen. Ich kann also gar nicht am Boden liegen bleiben, ich muss auf den Beinen stehen und darf nicht aufgeben. Alle meine Freunde leiden mit mir, ich bin nicht der einzige, dem es schlecht geht. Meine Freunde in der Ukraine haben z.B. sogar ein offizielles Turnier zum Gedenken an Nino veranstaltet.

Wie soll man sich an deine Frau erinnern?
Durch mich. In guten und in schlechten Zeiten wird sie durch mich weiterleben und dann kann sie auch nicht vergessen werden. Ich werde sie nie vergessen. Nie. Meine Frau Nino war in ihrem Bereich viel, viel stärker und besser als ich in meinem. Sie war eine sehr erfolgreiche georgische Folklore-Tänzerin mit sehr großem Talent. Sie und ich, wir hatten ein ganz ähnliches Leben und deshalb haben wir super zusammen gepasst (lächelt). Sie ist für mich die Nummer eins (lächelt wieder).

Nika, herzlichen Dank für dieses sehr persönliche Gespräch – alles Gute für dich und selbstverständlich viel Erfolg für die Karate-Weltmeisterschaft 2014!

Mehr Fotos und Impressionen vom Interviewtermin am 24.09.14 in Gummersbach…
Videos…
Das Interview wurde in der Karate Aktuell 4/2014 abgedruckt.

Interview, Fotos und Videos: Altmann

Die nächsten Termine:

februar

24feb10:0016:00SV/Bunkai Serie mit C. Wedewardt und L. BinderKöln-Porz-Zündorf, Grundschule Schmittgasse

24feb12:3016:00Prüfer:innen-Neuausbildung und Lizenzerweiterung KoshinkanSKD Bad Salzuflen

24feb14:0016:00Stilrichtungslehrgang ShotokanLemgo, Sporthalle der Karla-Raveh Gesamtschule

25feb10:0018:00Landesmeisterschaft Leistungsklasse + MasterklasseBedburg-Hau, Dietmar-Müller-Sporthalle

märz

02märz12:0016:00DAN- Vorbereitungslehrgang KoshinkanBSC Oberhausen

03märz10:0018:00Bezirksmeisterschaft DüsseldorfKempen, Sporthalle Astrid-Lindgren-Schule

Ähnliche Artikel:

Menü
X