Interview mit Vizeweltmeisterin Shara Hubrich: „Falls diese Hand gebrochen sein sollte, soll es sich wenigstens gelohnt haben.“

Wow, Vizeweltmeisterin – ganz herzlichen Glückwunsch, liebe Shara! Was für ein toller Erfolg! Was bedeutet dir diese Silbermedaille?

Dankeschön. Sie bedeutet mir sehr viel, da es bislang mein größter Erfolg ist. Ich habe dafür in den vergangenen Monaten sehr hart trainiert und insofern ist es die erhoffte Belohnung dafür – auch wenn es nicht ganz für den ersten Platz gereicht hat.

Erzähl mal – wie ist die WM für dich gelaufen? Fangen wir vorne an: Wie waren die Rahmenbedingungen, also Anreise, Trainingsmöglichkeiten vor Ort, Coronaschutzmaßnahmen?

Die Anreise war gut. Leider hatten wir vor Ort keinen Mattenraum und konnten auch die ersten Tage nicht in die Halle oder den Aufwärmraum. Es gab einen Kraftraum, in dem wir uns etwas Platz verschafft haben. Allerdings haben wir nur noch lockere Einheiten gemacht, da wir nach der Anreise gar nicht mehr so viel Zeit hatten bis zum Wettkampftag. Unsere große Vorbereitung hatten wir in Deutschland. Die Organisation mit den PCR-Tests war sehr gut. Wir mussten den Abend vor unserem Kampftag rüber ins Nachbarhotel laufen und waren innerhalb von fünf Minuten wieder zurück.

Dann ging es los – wie waren deine Vorrundenkämpfe?

Ich habe mich zunächst gar nicht so fit gefühlt. Meine Beine waren etwas müde. Als ich mir in der ersten Runde die Hand verletzt habe, lag mein Fokus noch weniger auf den Kämpfen. Was sich rückblickend nicht wirklich negativ ausgewirkt hat. Die meisten Gegnerinnen aus meinem Pool kannte ich. Dabei war die Kämpferin aus der Ukraine für mich die schwierigste, da sie groß ist und ein paar harte Schläge austeilen kann. Ich merkte von Kampf zu Kampf, dass es egal war, wie ich mich fühlte. Ich begann zu ahnen, dass ich es trotzdem ins Finale schaffen könnte.

Dann kam schließlich das Halbfinale: Der Kampf gegen die Kasachin war nochmal besonders spannend, oder? Wie konntest du sie letztlich schlagen?

Im Halbfinale tat ich mich etwas schwer. Ich habe unnötig Punkte verschenkt und musste dann einen Rückstand aufholen, was mich zusätzlich Kraft gekostet hatte. Aus diesem Kampf habe ich einiges mitgenommen. Ich habe ein paar Fehler gemacht und trotz allem ist die Zuversicht aus den Augen meines Bundestrainers nicht verschwunden. Ich hatte das Gefühl, dass ich es nicht mehr schaffe, doch mein Coach nickte mir nur zu. Dies war für mich das Zeichen, dass ich mich zusammenreißen musste für eine weitere wertbare Technik. Dies gelang mir auch in den letzten Sekunden des Kampfes. Doch die Kampfrichter zogen keine Flagge. Zum Glück hatte mein Coach die ganze Zeit auf diese Möglichkeit gewartet und forderte einen Videoreview. So konnte ich in Führung gehen und den Kampf letztlich gewinnen.

Spannend! Wie hast du dich nach diesem Halbfinalsieg gefühlt?

Es war ein unbeschreibliches Gefühl. Die Zeit zum Ende hin verging so schnell, dass es emotional sehr wechselhaft war. Das Team hinter mir hat mir enorm viel Kraft gegeben und somit dazu beigetragen, dass ich mental stark geblieben bin.

Im Finale standest du dann Miyo Miahara aus Japan gegenüber – ihr seid alte Bekannte. Im WM-Finale 2013, damals noch bei den Juniorinnen, konntest du sie schlagen. Seitdem seid ihr euch immer wieder auf der Tatami begegnet. Wie ist das, wenn man sich schon so lange kennt? Wie würdest du ihren Kampfstil beschreiben? Wie ist euer Verhältnis abseits der Kampffläche?

Miyo Miahara ist eine erfahrene Kämpferin. Wir schätzen und respektieren uns gegenseitig sehr. Dies ist mir auch generell sehr wichtig in dem Sport. Ihr Kampfstil war im Finale anders als ich es sonst kenne. Sie war sehr bedacht und aufmerksam. Wir haben uns beide sehr lange abgetastet – keine ist ein hohes Risiko eingegangen, so dass es auf den Kampfrichterentscheid hinausgelaufen ist. Dennoch habe ich mich gefreut, ihr im Finale gegenüberzustehen.

Was überwiegt denn in so einem Moment: Die Freude über die Silbermedaille oder die Enttäuschung, dass es nicht Gold geworden ist?

Die Enttäuschung war größer, da es eine sehr knappe Entscheidung war. Natürlich war für mich immer das Ziel, die Goldmedaille zu holen. Dieses Ziel habe ich für die Zukunft nicht aus den Augen verloren.

Du hattest dir in den Vorrunden eine Handverletzung zugezogen, aber unbeirrt weitergekämpft – das zeugt von unglaublicher Willensstärke! Respekt! Mit welchem Mindset hast du das geschafft?

Dazu hatte ich die ganze Zeit nur einen Satz im Kopf: „Falls diese Hand gebrochen sein sollte, dann soll es sich wenigstens gelohnt haben.“ Ich bin jedoch auch sehr dankbar für die Unterstützung von meinem Mentalcoach Tarek Amin, meinem Trainer und Vater Roy Hubrich, sowie dem Bundestrainer Thomas Nitschmann, die mir immer zur Seite standen.

Thomas Nitschmann war als Bundestrainer immer an deiner Seite bei den internationalen Wettkämpfen – ab 2022 wird das nicht mehr so sein. Was bedeutet das für dich?

Das Team und ich haben Thomas als Bundestrainer immer sehr für seine professionelle Arbeit geschätzt. Es freut mich sehr, dass ich zum Ende seiner Laufbahn noch Medaillen auf der EM und WM holen konnte. Auf der Europameisterschaft haben wir im Team mit der Goldmedaille seine Erwartungen hoffentlich erfüllt. Auch wenn Thomas kein Bundestrainer mehr ist, wird er dennoch immer an unserer Seite bleiben. Ich werde auch weiterhin ein- bis zweimal pro Woche zu ihm ins Training fahren, da ich sein Training sehr schätze.

Was denkst du: Welchen Anteil haben Trainer und Trainerinnen an den Erfolgen ihrer Schützlinge?

Sowohl mein Vater und Trainer Roy als auch Thomas haben einen großen Anteil am Erfolg. Dafür bin ich sehr dankbar, aber auch allen anderen aus meinem Umfeld, die mich unterstützt haben.

Du trainierst schon wieder fleißig – mit Gips. Keine Pause also nach der WM? Was sind deine nächsten Ziele?

Ich wollte von vornherein keine große Pause machen. Es ist für mich schwerer, nach einer längeren Pause wieder anzufangen, statt jetzt lockeres Erhaltungstraining zu machen. Meine Ziele sind klar definiert: Ich möchte jeden Wettkampf, den ich bestreite, erfolgreich abschließen.

Mit der WM-Silbermedaille hast du dich außerdem – bisher als einzige deutsche Karateka – für die World Games im Juli in den USA qualifiziert. Herzlichen Glückwunsch, das ist ein ganz besonderer Wettkampf, oder?

Vielen Dank. Das freut mich sehr und ist ein positiver Nebeneffekt der WM-Silbermedaille. Die European Games waren schon sehr beeindruckend für mich. Ich freu mich daher umso mehr, zum ersten Mal an diesem größeren Format teilnehmen zu dürfen.

Gibt es sonst noch etwas, das du sagen möchtest?

Wenn ihr euch für Trainingseinblicke interessiert, könnt ihr mir gerne auf Instagram folgen oder auf meiner Webseite www.shara-hubrich.com vorbeischauen. Meinen Jahresrückblick 2021 in einem tollen Video findet ihr auf YouTube und meinen Social Media-Kanälen.

Danke für das Gespräch und alles Gute!

Danke, das wünsche ich dir auch!

Interview: Eva Mona Altmann
Foto: Brigitte Kraußer, DKV

(ema)

Foto: Brigitte Kraußer, DKV
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