7. Dan für den erfolgreichsten Bundestrainer aller Zeiten

Thomas Nitschmann blickt im Gespräch mit Detlef-Hans Serowy auf seine Laufbahn zurück und berichtet von Zukunftsplänen

Duisburg. „Ich dachte, ich bin Supermann“, sagt Thomas Nitschmann lachend. Selbstbewusst tritt er zur ersten Runde der Karate-EM 1990 in Hannover an – und verliert 6:0. Vorher geht sein Weg im Wettkampf nur steil nach oben. 1989 holt der Duisburger die NRW-Landesmeisterschaft und den Deutschen Vizemeistertitel in der Allkategorie. Fünf Jahre nach dem Karate-Einstieg. Junioren-Bundestrainer Günter Mohr lädt ihn zur Ausscheidung nach Ravensburg ein.

„Damals wurde nicht nominiert, die ersten Fünf der DM kämpften in jeder Gewichtsklasse den EM-Startplatz aus.“ Nitschmann setzt sich in der Allkategorie durch und glaubt, er könne nicht mehr verlieren. Ein Irrtum, wie sich vor den Augen seines Trainers Manfred Kulke und anderer Dojo-Mitglieder in Hannover herausstellt. „Ich habe viel zu offensiv gekämpft und zahlte den Preis dafür.“

Fehler und Rückschläge lässt der ehrgeizige Karateka bis heute nicht auf sich sitzen. Am zweiten EM-Tag kämpft das Team um Bronze gegen die Türkei. Es steht 2:2. Thomas Nitschmann gewinnt den entscheidenden Kampf und seine erste EM-Medaille. Eine steile Lernkurve. Einziger Wehrmutstropfen: Die Dojo-Freunde aus Duisburg sind nach der Einzel-Niederlage abgereist.

Elf Jahre im Nationalteam

„Die Tür zur Nationalmannschaft war offen.“ Nitschmann nutzt seine Chance und kämpft elf Jahre mit dem Bundesadler auf dem Gi. Anfängerfehler macht er nicht mehr und stürmt bis 2000 von Erfolg zu Erfolg. Er belegt Platz drei bis 80 Kilogramm bei der WM 2000 in München und wird Vizeweltmeister im Team. „Es hat an mir genagt“, kommentiert er die Finalniederlage.

Denn einzig der Welt- und Europameistertitel bleiben dem 52-Jährigen verwehrt. 1997 wird er Vizeeuropameister, belegt acht dritte Plätze bei Europameisterschaften, gewinnt dreimal den Shotokan World-Cup und den Shotokan Europa-Cup. Dazu erringt er neun Titel als Deutscher und internationaler Deutscher Meister bis 80 Kilogramm und in der Allkategorie.

Eine einzigartige Karriere im deutschen Karate nimmt ihren Lauf. Thomas Nitschmann gewinnt dreimal die Dutch-Open, dazu die French-Open, die British Open und die Finnish Open. Alles natürlich nicht absehbar, als er 1984 mit 14 Jahren zum Karate kommt. „Zu Hause wartete Stubenarrest“, erinnert sich Nitschmann an „Dummheiten“, die er als Jugendlicher gemacht habe.

1984: Karate statt Stubenarrest

Sein Bruder Michael weiß Rat und nimmt ihn mit zum USC Duisburg. „Das 1:1, die Partnerübungen, der Kampf, das hat mich sofort fasziniert.“ Trainer Manfred Kulke sei ein „sehr flexibler Karateka“ gewesen. Er unterrichtet auch Anfänger früh im Bunkai, in der Selbstverteidigung und im Kumite. „Grundschule und Kata haben für mich immer dazugehört“, betont Thomas Nitschmann.

Mit Kata-Abläufen ist der 7. Dan nicht in Verlegenheit zu bringen. Sein Herz schlägt aber für das Kumite. Als Grüngurt kämpft er mit 15 Jahren sein erstes Turnier. Es gibt keine Alters- und Gewichtsklassen – und keine Faustschoner. Nitschmann kommt prompt ins Krankenhaus. Eine Augenbraue muss geklebt werden. „Das hat mich nicht abgeschreckt.“

„He is his own man“ (Er ist sein eigener Mann), sagen die Amerikaner, wenn sie einen Mann mit unabhängigem Sinn und Vertrauen in das eigene Urteilsvermögen beschreiben wollen. Thomas Nitschmann macht sein eigenes Ding und zieht das auch durch. Und er macht kein großes Aufheben darum. Sein Ruhm ist ihm fast peinlich. „Das gibt mir nichts“, weist er Meisterallüren zurück.

Beruf & Karate

„Ich bin selbstständig, seit ich 16 bin“, betont Nitschmann. Nach der Realschule will er raschl finanziell unabhängig werden und erlernt deshalb bis 1991 bei Thyssen den Beruf des Industriemechanikers. Nach der Lehre ist schnell klar: „die Arbeit verträgt sich nicht mit dem Karatetraining“. Jobs sorgen zwei Jahre lang für den Lebensunterhalt und für genügend Trainingszeit.

Die berufliche Wende kommt mit einer Umschulung. Thomas Nitschmann qualifiziert sich als Kommunikationselektroniker (Fachrichtung Funktechnik) und heuert 1995 bei Nokia in Bochum an. Die goldenen Jahre des Handyherstellers sollen noch kommen. Der Duisburger ist mit dabei. „Ich habe großes Glück gehabt, die Firma war noch klein, als ich kam.“

Glück gehört immer zum Aufstieg in einer Firma, aber ohne Ehrgeiz und Fleiß geht es nicht. Thomas Nitschmann zeigt im Job die Eigenschaften, die ihn im Karate erfolgreich machen. Er steigt zum Manager und Chef von 84 Leuten auf. „Ich habe Reparaturteams ausgebildet, geführt und geleitet.“ 2008 gehen bei Nokia in Bochum die Lichter aus. Nitschmann ist aber nicht traurig darüber.

Zaudern als Glücksfall

Seit 2004 arbeitet er als DKV-Bundestrainer für Jugend und Junioren. „Da sind 13 bis 14 Urlaubstage pro Jahr nur für Karate draufgegangen.“ 2007 übernimmt Nitschmann die Leistungsklasse der Damen. Die sportlichen Verpflichtungen nehmen weiter zu. Anfang 2008 will er deshalb kündigen. „Ich habe mich nicht getraut, meinem Chef und Mentor Michael Schirmer davon zu berichten.“

Das Zaudern entpuppt sich als Glücksfall. Im Frühjahr 2008 verständigten sich Nokia und der Betriebsrat auf einen Sozialplan mit einem Volumen von 200 Millionen Euro. 185 Millionen Euro für Abfindungen und 15 Millionen Euro für eine Transfergesellschaft. Nitschmann ist mit dabei. Er kann sich nun mit voller Kraft dem Karate und seinen Aufgaben als Bundestrainer widmen.

17 Jahre lang Bundestrainer

17 Jahre bleibt der Duisburger im Amt. Er wird der erfolgreichste deutsche Karate-Bundestrainer aller Zeiten und gewinnt mit seinen Aktiven alle Titel im Welt-Karate. Das Dojo USC-Duisburg gehört regelmäßig zu den erfolgreichsten Vereinen Deutschlands, wenn am Jahresende Bilanz gezogen wird. Der A-Trainer DOSB brennt am Mattenrand und beim Training im Dojo für die Aktiven.

„Karate hat was mit Perfektion zu tun. Bei mir ist es so, dass ich die Bereiche, die ich mache, sehr gut machen will“, sagt er. Ob das mit dem Karate gekommen oder nur verstärkt worden sei, könne er nicht sagen. Genau festzuhalten sind jedenfalls die Erfolge, die Thomas Nitschmann mit seinen Kaderaktiven errungen hat. Jonathan Horne und Noah Bitsch qualifizieren sich für Olympia 2021.

Horne gewinnt die World Games, wird Weltmeister und mehrfach Europameister. Kora Knühmnann erringt zwei Welt- und sieben Europameisterschaften. Das deutsche Damenteam holt WM-Gold, das Herren-Team wird Europameister. Dazu kommen vier Vizeweltmeisterschaften vom Kumite-Team Herren, von Jana Messerschmidt, Shara Hubrich und Duygu Bugur.

Die Erfolgsaufzählung kann nicht vollständig sein, allein aus Platzgründen. Standesgemäß verabschiedet sich Thomas Nitschmann 2021 bei der Europameisterschaft. Es gibt Gold für Jonathan Horne und das Kumite Damen Team sowie zweimal Vize-Titel für Shara Hubrich und Jana Messerschmidt. Zum 31. Dezember endet eine Ära, Nitschmann verlängert seinen Vertrag nicht.

Es wäre möglich gewesen, aber der Duisburger entscheidet anders. Er geht wieder seinen eigenen Weg. „Ich will Deutschland an die Weltspitze führen“, schreibt Nitschmann 2007 in die Prüfungsarbeit zum 4. Dan. Ein Prüfer belächelt diese Aussage. „2008 sind wir erstmals mit dem Frauen-Team Weltmeister geworden“, sagt der Bundestrainer a. D. – und lächelt.

Verleihung 7. Dan

„Ich bin sehr zufrieden mit dem, was ich erreicht habe, ich ruhe in mir und brauche keine Leute, die mich anhimmeln“, stellt Thomas Nitschmann klar. Über Wertschätzung freut er sich trotzdem sehr. KDNW-Präsident Rainer Katteluhn kommt kürzlich in sein Dojo und verleiht ihm im Auftrag des DKV den 7. Dan. Eine anrührende Situation zwischen zwei Freunden in einem sehr würdigen Rahmen.

Blick nach vorn

Nitschmann blickt nach vorn und hat Pläne. „Mit 52 ist das Leben noch nicht vorbei“, sagt er lachend. Die letzten vier Jahre seien allein wegen der vielen Reisen sehr anstrengend gewesen. „Ich werde etwas kürzer treten als die Jahre davor.“ Davon hat der Vater eines Sohnes und Großvater einer Enkelin aber ganz eigene Vorstellungen. „Ich möchte ein drittes Dojo aufbauen.“

Resigniert hat Thomas Nitschmann auf keinen Fall. Gerade ist der USC Duisburg bei der DM in Erfurt mit vier Gold- und zwei Silbermedaillen erfolgreichstes Dojo geworden. Die Flamme brennt noch, auch als KDNW-Landestrainer. Dieses Amt hat Nitschmann „mit großer Überzeugung“ nach dem Ausscheiden beim DKV übernommen. „Ich habe mir die Begeisterung für das Karate bewahrt.“

Landestrainer im KDNW

„Wir sind sehr froh, dass wir diesen herausragenden Sportler und Trainer als Landestrainer gewinnen konnten“, sagt Rainer Katteluhn (8. Dan). Er weiß, warum. „Wenn Meisterschaften nicht erfolgreich waren, habe ich anschließend lange überlegt, woran es lag“, berichtet Thomas Nitschmann. Er könne Niederlagen ganz schlecht wegpacken. Keine schlechte Voraussetzung für einen (Landes-)Trainer.

Text: Detlef Hans Serowy
Fotos: USC Duisburg

(ema)

Die nächsten Termine:

oktober

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08okt10:0013:00Stilrichtungslehrgang KempoWesel, Petristr.

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